Über die Grenze gehen…

Eine Erkundungstour in Gmünd/NÖ und České Velenice

Ankündigungstext

In Gmünd und České Velenice an der Tschechisch-Österreichischen Grenze verdichten sich Geschichte und viele Geschichten rund um Mobilität, Migration, Flucht, Grenze und Arbeit. Wir wandern zu Fuß vom Bahnhof Gmünd durch Gmünd Neustadt über die Staatsgrenze durch die České Velenice. An historischen Schauplätzen stellen wir dabei immer wieder Bezüge zu aktuellen Themen her.

Die Wanderung ist eine gemeinsame Erkundungstour. Die Teilnehmer:innen sind also mehr Entdecker:innen als Konsument:innen. Daraus soll ein Themenwander-Angebot entstehen. Aktive Teilnahme und Feedback sind ausdrücklich erwünscht.

Ablauf:

Datum: Samstag, 9. Mai 2026

Stationen:
  • 12:00 Uhr: Start der Tour am Bahnhofsvorplatz Gmünd
  • Themenwanderung durch Gmünd Neustadt (ehemaliges Flüchtlingslager)
  • Gemeinsames Mittagessen in Gmünd Neustadt
  • Besuch des Hauses der Zeitgeschichte
  • Themenwanderung über die Grenze nach České Velenice
  • Wanderung oder Bus (16:22, 17:07) zurück nach Gmünd Altstadt
  • 17:50 Uhr: Treffpunkt für jene, die nach Wien zurück fahren:  Bhf. Gmünd (Ankunft ca. 21:00 Uhr)

mit: Harald Winkler (Historiker), Franz Drach (Historiker)

Kontakt Begleitung: Philip Taucher, info@gehmit.eu

Warum eine Erkundungstour?

Diese Erkundungstour ist ein erster Pilot, um eine Thementour zu entwickeln. Die Thementour soll 2027 im Weiterbildungsprogramm der AK und des VÖGB für Arbeitnehmer:innen Vertreter:innen (v.a. Betriebsrät:innen) angeboten werden. Deshalb sind wir bei dieser Erkundungstour auf der Suche nach verfolgenswerten historischen Spuren, die uns die Gegenwart besser verstehen lassen.

Die Frage zur Erkundungstour:

Was können wir aus der lokalen Geschichte von Gmünd über Grenzen, Flucht, Migration, Mobilität und Arbeit für heute lernen?

Die Perspektive:

Bei dieser Erkundungstour gehen wir bewusst zu Fuß. Seit Jahrtausenden war ein sichtbarer Unterschied zwischen Herrschenden und Beherrschten, dass die einen gefahren/getragen wurden, während die anderen gehen mussten. Bei dieser Tour schauen wir auf die Geschichte aus der Perspektive der Gehenden.

Ein kurzer Überblick zum Einstieg:

Eine Tour durch die Grenzgeschichte Gmünds:

Gmünd kommt von Gemünde – der Zusammenfluss zweier Flüsse, Lainsitz und Braunaubach. Schon 1179 wurde der Ort in einem Grenzvertrag zwischen Böhmen und Österreich erwähnt. Ein Grenzort, der durch Verbindung entstand.

Und doch zogen sich durch diese Region immer wieder Trennlinien: Gmünd war über Jahrhunderte Grenzfeste zwischen österreichischen und böhmischen Herrschaftsgebieten innerhalb der Habsburger Monarchie. Die Region lebte von Ihrer Grenzlage, den Zolleinnahmen, Holzwirtschaft, Granit- und Steinabbau, der Glasindustrie und Wanderarbeiter:innen, die kamen und gingen.

Mit der Inbetriebnahme der Franz-Josefs-Bahn ab 1869 wurde Gmünd zum Verkehrs- und Industrieknotenpunkt auf der Strecke Wien–Budweis-Prag mit großem Bahnhof und Bahnwerkstätten. Die Eisenbahn zog aufstrebende Industrien an.

Mit Beginn des Ersten Weltkriegs entstand in wenigen Wochen auf einem Feld südlich der Altstadt eines der größten Flüchtlingslager der Monarchie, für Menschen aus Galizien und der Bukowina. Bis zu 50.000 Menschen lebten hier. Aus dem Lager wurde nach dem Krieg eine Arbeiter:innen- und Industriesiedlung – Gmünd II bzw. Neustadt.

Das Kriegsende 1918 zog eine neue Grenze durch die Stadt. Der Hauptbahnhof – Herzstück des Knotenpunkts – fiel an die neu gegründete Tschechoslowakei. Was heute České Velenice heißt, hieß bis dahin Gmünd-Bahnhof. Gmünd wurde zur geteilten Stadt.

Mit der Diktatur ab 1934 flohen politisch Verfolgte aus Österreich, Sozialist:innen genauso wie Nationalsozialist:innen über die offene Grenze in die Tschechoslowakei.

Zwischen 1938 und 1945 war die Stadt unter NS-Herrschaft kurz wieder vereint – aber diese Jahre brachten Krieg, Vertreibung, Ausbeutung und Deportation: Ungarische Juden wurden zur Zwangsarbeit ins Waldviertel verschleppt. Im Getreidespeicher der Neustadt wurden viele unter widrigsten Bedingungen festgehalten und zur Arbeit gezwungen. Unmittelbar nach dem Krieg suchten aus der Tschechoslowakei vertriebene Sudentendeutsche in Gmünd Unterschlupf.

Ab 1948 verlief der Eiserne Vorhang durch die Stadt. České Velenice wurde zur abgeriegelten Grenzzone. Eine Flucht über die Grenze nach Österreich, bezahlten viele mit ihrem Leben. Erst im Dezember 1989 fiel der Stacheldraht. Das ermöglichte, dass die geteilte Stadt wieder über die Grenze hinweg zusammenwachsen konnte. Der Beitritt Tschechiens zur EU 2004 und zum Schengen Abkommen 2007 sollte diese Verbindung weiter befördern.


Gmünd und České Velenice heute

Gmünd hat heute rund 5.150 Einwohner:innen und ist Bezirkshauptstadt im nördlichen Waldviertel. České Velenice, zählt knapp 4.000 Einwohner:innen. Beide Städte sind heute wieder durch Straße, Schiene und täglichen Grenzverkehr verbunden – Pendler:innen, Einkaufende, Tourist:innen queren die Grenze ohne halten zu müssen…

Zum Anschauen:

ORF Dokumentation zur Geschichte Gmünds im 20. Jahrhundert

Verganges aus Gmünd: eine umfassende Sammlung zur Geschichte der Stadt.

Fragen zur Einstimmung und Diskussion für die Hinreise:

Da wir einige Zeit mit der Anreise nach Gmünd verbringen, sind alle Teilnehmer:innen eingeladen Fragen zur Einstimmung selbst zu reflektieren bzw. gemeinsam zu diskutieren.

Frage 1: Was sind deine Erwartungen an die Erkundungstour?

Frage 2: Was soll nicht passieren?

Frage 3: Was hab ich schon einmal aus der Auseinandersetzung mit (lokaler) Geschichte für mich gelernt?

Frage 4: Warum ist es für mich interessant das Thema direkt am (historischen) Schauplatz zu erkunden 8und nicht nur über Medien)

Frage 5: Welche persönlichen (auch familären/biographischen) Bezüge habe zu den Themenfeldern Grenze, Flucht, Migration, und Arbeit?

Fragen für die Rückreise und Feedback:

Quellen, Ressourcen und Links:

Dacho, Manfred; Drach, Franz; Winkler, Harald (2014): am Anfang war das Lager. Gmünd Neustadt. Verlag Bibliothek der Provinz. Weitra. Link

ORF (2022): Universum History. Leben am Eisernen Vorhang,ORF Dokumentation zur Geschichte Gmünds im 20. Jahrhundert

Verganges aus Gmünd: eine umfassende Sammlung zur Geschichte der Stadt.

Rote Spuren: Tränen über Gmünd

Stadtgemeinde Gmünd: Haus der Gmündnder Zeitgeschichte

Stadtgemeinde Gmünd: Zeitge(h)schichten zweier Städte